[Soundtrack: Gary Jules - Mad World.]
Deer zog den Trenchcoat enger. Man hatte ihn gewarnt. "Inselwetter", hatten sie gesagt; doch dass es
so verregnet sein würde, hätte er nie vermutet. Durch die grauschwarzen Fäden in denen das Wasser vom Himmel fiel sah er das schmuddelige Leuchtschild des Pubs. Auf dem Festland, in dem Dorf aus dem er kam, kannte man solche Leuchtreklame nicht. In den Städten, klar, aber auf dem Land wie hier da kannte doch eh jeder die einzige Kneipe des Ortes. Es war immer die Kneipe in denen die Männer vor ihren Familien flüchteten und dieselben Kneipen in denen die Frauen versuchten, das wilde Leben das sie aus ihren Träumen kannten, wahrzumachen. Deer überquerte die Straße. Im Regen stehen wollte er nicht mehr und der Pub sah trotz des. Leuchtschildes recht einladend aus.
Klein und dreckig. So konnte man die Kneipe beschreiben aber auch die Gäste, wie Deer jetzt feststellte. Es waren nur zwei und beide saßen sie alleine da, das sowieso runzlige Gesicht nachdenklich in tiefe Falten gezogen. Irgendein dummer Witz über Bügeleisen schoss Deer durch den Kopf, irgendeine vermeintlich lustige Erklärung, weshalb die Männer so klein waren.
Wie, wenn er durch Der's Erscheinen aufgeschreckt worden wäre, hob einer der beiden Runzligen den Kopf und sah auf die Uhr die schräg über der Theke hing. Auf einmal schien er es eilig zu haben, warf eine Münze auf den Tisch und verlies den Raum. Deer hatte sich an die Theke gestellt und sah sich nun nach dem Wirt um. Als der andere kleine Mann schwerfällig aufstand, bemerkte Deer, dass wohl der der Wirt war. "Eine Halbe, bitte", bestellte er. Schwermütig wiegte der Alte seinen Kopf hin und her, drehte Deer den Rücken zu und nahm eins der milchfarbenen Gläser, die aussahen als wären sie seit Jahren nicht gespült worden, die aber dennoch sauber waren.
In seinem Rücken hörte Deer, dass die Tür aufging. Drei Gestalten kamen herein und Deer wunderte sich noch, dass sie nicht nass waren, obwohl es drausen in Strömen regnete. Er drehte sich wieder dem alten Wirt zu, der inzwischen das Glas unter den Zapfhahn gestellt hatte. Doch der Wirt selbst - er war nicht mehr da. Verwirrt sah Deer sich um und dann bemerkte er, dass die drei Gestalten hinter die Theke schritten. Sie hoben etwas großes, schweres auf, etwas was Deer im nächsten Moment als die Leiche des alten Mannes identifizierte. Und sie trugen die Leiche hinaus, hinaus in den Regen. "Da werden bestimmt seine Kleider nass", dachte Deer, aber dann fiel sein Blick auf sein Bier das am Überlaufen war. Er hechtete hinter die Theke und mache den Zapfhahn zu. Setzte den Schaum an die Lippen und trank einen kräftigen Schluck.
Als die üre aufging, verschluckte Deer sich. Ein Kunde kam herein, schaute sich um und setzte sich an einen Tisch, wo er begann seine Pfeife zu stopfen. Deer beobachtete ihn, füllte dann noch ein Bier in ein Glas und brachte es ihm. Er selbst setzte sich an einen anderen Tisch.
Da saßen sie und schwiegen, tranken ihr Bier und dachten stirnrunzelnd über all das Leid in der Welt nach, als wiederrum die Tür aufging. Der Pfeifenraucher sah sich auf einmal sehr hektisch um, er warf eine Münze auf den Tisch und verlies das Lokal. Der Junge, der neu hereingekommen war schaute ihm verwundert nach. Dann ging er zur Theke, sah sich um und da Deer wusste, dass sonst keiner da war, stand er auf und ging die Bestellung des jungen Mannes aufzunehmen. "Ein Bier", sagte der. Deer schaute auf die Uhr. Als die Türe aufging hatte der junge Mann ihm den Rücken zugedreht. Vielleicht wunderte ihn, dass die Gestalten, die von drausen hereinkamen nicht nass waren.
"Junge, schenk dir dein Bier selbst ein, ich hab da was zu erledigen!", sagte Deer, als der Junge sich kopfschüttelnd zu ihm umdrehte. Und damit lies er ihn und die drei Gestalten stehen und verließ das Lokal.
Kurz darauf beobachtete er von einer Straßenecke, wie drei Gestalten die Leiche eines jungen Mannes aus einem Pub trugen. Bedauernd schüttelte Deer den Kopf. "Jetzt ist da Niemand mehr, der den Laden schmeißt."